Nachhaltiges Lackieren: Ein Schweizer Hersteller erhöht die Standards

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Wenn die Nachhaltigkeit von Lackiertechniken diskutiert wird, verweist die Pulverbranche zu Recht auf die im Vergleich zum Flüssiglack deutlich geringeren Transportvolumen (100 Prozent Feststoffgehalt) und die lösemittelfreien, ja nahezu emissionsfreien Pulverlacke. Das macht die elekro- bzw. tribostatische Applikation von Kunststoffpulvern jedoch nicht per se zur nachhaltigen Lackiertechnik.

Dazu haben auch die zusätzlichen Anstrengungen der Beschichtungsbetriebe beigetragen, welche hohe Investitionen tätigten und tätigen, um etwa die Aufbereitung von Vorbehandlungsbädern oder die Reststoffentsorgung, ressourcen- und umweltschonend zu optimieren. So verfügen heute nahezu alle Anwender über geeignete Zyklonsysteme, um den beim Pulverlackieren entstehenden Overspray für eine erneute Applikation zurückzugewinnen.

Selbst bei Schichtdicken, die gut doppelt so stark sind wie Flüssiglackschichten sind durch Materialkreisläufe farbtonabhängige Verbrauchswerte zwischen 90 und 120 g/m2 erzielbar.

Weitere Kreisläufe finden sich in der Aufbereitung saurer und alkalischer Spül- und Abwässer, welche zur pH-Werteinstellung in die Neutralisations­anlage eingeleitet werden. Einige der Anwender verfügen darüber hinaus bereits über eine Kammerfilterpresse, in welcher Nassschlamm aus im Abwasser enthaltenen Schwebestoffen entwässert wird. Dieser kann nach der Filtration als Trockenschlamm meist unbedenklich auf einer hierfür zugelassenen Mülldeponie abgelagert werden.

Reststoffe können gut verwertet werden

Darüber hinausgehend etablieren sich Flugstromvergaser zur energetischen Nutzung der Restpulverlacke aus der Produktion sowohl bei den Lackherstellern als auch bei grossen Beschichtungsbetrieben. Die mit der Verbrennung erzeugte Wärme kann bei kleineren Anlagen für Prozesswasser etwa zum Beheizen der Vorbehandlungsbäder genutzt werden, bei grösseren Anlagen ist mit einer Kraft-Wärme Kopplung auch die Stromerzeugung denkbar. Ein anderes Beispiel für die Verwertung von Reststoffen aus der Pulverlackproduktion ist die Beifügung als „Klebstoff“ in der Herstellung von Faserverbundstoffen.

Forderungen der Endverbraucher und der REACH-Verordnung sensibilisieren die Beschichtungsbranche

Ein weiterer Treiber für umwelttechnisch saubere Beschichtungslösungen sind in zunehmendem Masse normative Vorgaben der Gesetzgeber. So sorgt die europäische Chemikalienagentur für die Durchsetzung der Forderungen aus der REACH-Verordnung, welche etwaige Gefährdungen aus dem Nutzungsgang eines Stoffes berücksichtigt und fortlaufende Bewertungen der gesundheitlichen und umweltrelevanten Folgen vornimmt. So wurden auch Chromverbindungen, insbesondere Chromsäure (Chrom VI) und Chromtrioxid – bislang noch anzutreffen als Basis für den Korrosionsschutz und zur Bildung von Konversionsschichten auf Aluminiumoberflächen – in den Anhang XIV der REACH-Verordnung aufgenommen.

Dies bedeutete in diesem Fall eine Autorisierungspflicht für die Verwender ab September 2017. Obwohl die Industrie nochmals einen Aufschub erreichte, haben die europäischen Beschichter ihre Vorbehandlungsbäder bereits überwiegend auf Alternativen zu den klassischen Chromatierverfahren auf der Basis von Zirkon- bzw. Titanverbindungen oder Polymeren umgestellt.

Die Veröffentlichung der Daten für registrierungspflichtige Stoffe ab gewissen Mengen als Stoffsicherheitsbericht in einer Datenbank sowie die vermehrte Forderung der Endverbraucher nach transparenten standardisierten Umweltproduktdeklarationen gemäß ISO 14025 (EPD), führt bei der Pulverlackbranche zu erhöhter Umweltsensibilität bei der Auswahl von Rohstoffen und deren Zusammensetzung.

Robustere Systeme erhöhen Handling- und Transportsicherheit

Und Nachhaltigkeit kommt spätestens dann ins Spiel, wenn sich die dekorativen Pulverlacküberzüge auch im Einsatz an Fassaden und Infrastrukturen „robust“ zeigen. Wenn ihre Bewitterungsfähigkeit in Bezug auf Korrosionsschutz, Glanz- und Farbtonstabilität mit der Standzeit eines Gebäudes einhergeht. Wenn ihr Widerstand gegen abrasive Stäube, Reinigungsmittel und Gebrauchsbelastung hoch genug ist, um flächigem Abrieb und multiplen Verkratzungen eine dauerhaftere Ästhetik entgegenzusetzen.

Protect Effect, Bild: IGP

Protect Effect, Bild: IGP

So liefert seit September 2016 die IGP Pulvertechnik AG aus ihrem Schweizer Produktionsstandort Wil Pulverlacke mit erhöhter Kratzresistenz. Vor allem seidenglänzende Oberflächen in dunkleren Farbnuancen neigten bislang schneller dazu, aufgehellte und damit wahrnehmbare Kratzspuren zu zeigen. Nach dreijährigem interdisziplinärem Projekt gelang es, den verbleibenden Restglanz einer durch multiple Verkratzung beeinträchtigen Oberfläche auf den zweifachen (Restglanz-) Wert heutiger Pulverlacksysteme zu erhöhen.

Diese „robusten Systeme“ sind ein Segen für Beschichter und Metallbaubetriebe in Punkto Handling- und Transportsicherheit. In den nachfolgenden Phasen der Nutzung und Reinigung – denken wir zum Beispiel an Haustürfüllungen – zeigen diese Oberflächen eine längere ansprechende Ästhetik durch ungestörten Glanz ohne lästige Scheuerspuren. Thomas Roll, Produktmanager bei der IGP Pulvertechnik AG in Will, meint dazu: „Über die Behauptung, nur werterhaltende Baustoffe könnten langfristig einen Beitrag zur Baukultur leisten, mag man sich streiten. Unstrittig ist, dass der Werterhalt eines Objektes der grösste Beitrag zur Nachhaltigkeit darstellt.“

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