In Grüsch im Kanton Graubünden ist aus einer stillgelegten Industriemühle ein zirkulärer Wohnbau entstanden, der zeigt, wie konsequent wiederverwendete Materialien und erneuerbare Energiequellen das Bauen verändern können.
Die Transformation der Mühle Grüsch im Prättigau ist ein Beispiel dafür, wie aus bestehenden Strukturen ein nachhaltiges, zukunftsfähiges Wohnangebot entsteht. Das Architekturbüro Ritter Schumacher hat das Industrieensemble – bestehend aus Hauptgebäude und einem 30 Meter hohen Getreideturm – grundlegend erneuert und dabei den Materialkreislauf ins Zentrum gestellt.
Beton im Kreislauf: Ein Turm entsteht neu – aus sich selbst
Der alte Siloturm aus dem Jahr 1939 war statisch nicht mehr sanierbar. Sein Rückbau wurde deshalb zum Schlüssel für zirkuläres Bauen: Der Beton wurde vollständig sortenrein getrennt, im Werk Untervaz rezykliert und zu einer neuen Betonmischung verarbeitet. Diese bestand zu bis zu 95% aus Abbruchmaterial und kam anschliessend direkt für den Wiederaufbau des Turms zum Einsatz. Heute besteht der Neubau zu rund 60% aus Beton des ursprünglichen Silos – ein prägnantes Beispiel für geschlossene Materialkreisläufe im Hochbau.
Die Rezeptur wurde eigens für dieses Projekt entwickelt und auf die benötigte Tragfähigkeit abgestimmt. Damit beweist die Mühle Grüsch, dass Rezyklatbeton nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch technisch präzise einsetzbar ist.
Umbau statt Ersatz: Ressourcen dort schonen, wo es möglich ist
Im sanierten Hauptgebäude blieb viel Originalsubstanz erhalten – inklusive Oberflächen und sogar Graffiti aus einer Zwischennutzungszeit. Neue Materialien kamen nur dann zum Einsatz, wenn es zwingend nötig war. Dabei galt: ECO-zertifiziert, regional und dokumentiert für den nächsten Lebenszyklus. Holz stammt aus der Schweiz oder Nachbarländern, die Dämmung aus lokaler Steinwolle.
Das Resultat: 52 Wohnungen, vom kompakten Studio bis zur grosszügigen Loft, entstehen aus einer klugen Kombination aus Erhalt, Wiederverwendung und gezielter Erneuerung.
Energieautarkie auf dem Dorfwahrzeichen
Auch energetisch bleibt die Mühle ihrem Ursprung treu – als Kraftwerk der Region. Wo früher Wasserkraft Mehl mahlte und Strom erzeugte, versorgen heute schwarze, vertikal angeordnete Solarpaneele die Bewohnerinnen und Bewohner.
Eine Wärmepumpe und Lüftung mit Wärmerückgewinnung ergänzen das System. Der Turm erfüllt den Minergie-P-Standard, die Gesamtanlage basiert vollständig auf erneuerbaren Energien.
Ein Modell für zirkuläres Bauen in Randregionen
Initiiert wurde das Projekt von der GUTGRÜN AG, die damit zeigen wollte, dass zirkuläres Bauen wirtschaftlich tragfähig bleibt – auch ausserhalb von Grosszentren. Der Erfolg bestätigt sich in gleich drei DGNB-Zertifikaten, darunter dem ersten DGNB-Rückbauzertifikat der Schweiz.
Zusammenarbeit als Schlüssel
Realisiert wurde das Projekt im Allianzmodell: Planende, Bauherrschaft und Ausführende arbeiten von Beginn an integrativ zusammen. Dieses gemeinsame Verantwortungsmodell fördert Effizienz, Qualität und echtes Lernen – Erfahrungen, die nun in neue zirkuläre Bauvorhaben einfliessen.
Weiterführende Links:
