Dekarbonisierung im Gebäudesektor: Wo die Schweiz heute steht

Der Schweizer Gebäudesektor hat beim Klimaschutz schon viele Fortschritte gemacht – ist aber trotzdem noch ein gutes Stück vom Ziel entfernt. Die Daten des BAFU zeichnen ein differenziertes Bild: Betriebsemissionen sinken, doch bei grauen Emissionen und der Sanierungsrate klaffen strukturelle Lücken.

Der Betrieb: auf Kurs, aber noch nicht am Ziel

Der Treibhausgas-Ausstoss der Schweizer Gebäude betrug 2023 rund 9,1 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente – 46 Prozent weniger als 1990. Damit hat der Gebäudesektor sein sektorielles Reduktionsziel relativ zu anderen Sektoren am stärksten erfüllt. Aktuell trägt er rund 22 Prozent zum nationalen Gesamtausstoss bei.

Diese Fortschritte sind real, aber zum Teil trügerisch: Die Rückgänge sind teilweise witterungsbedingt, und über die Hälfte der Schweizer Gebäude wird nach wie vor fossil beheizt. Das Klima- und Innovationsgesetz verlangt, dass Gebäude bis 2050 netto keine CO₂-Emissionen mehr ausstossen – bis dahin bleibt viel zu tun.

Die Sanierungsrate: das eigentliche Problem

Rund eine Million Schweizer Häuser sind nicht oder kaum gedämmt und energetisch dringend sanierungsbedürftig. Doch die Sanierungsrate dümpelt seit Jahren bei rund einem Prozent des Gebäudebestands pro Jahr. Um die Klimaziele 2050 zu erreichen, müsste sie auf 2 bis 3 Prozent steigen.

Auch das Gebäudeprogramm zeigt Stagnationszeichen: 2024 wurden wie schon 2023 rund 528 Millionen Franken an Fördermitteln ausbezahlt – ohne Steigerung. Zugleich droht das Impulsprogramm im Rahmen der Bundessparmassnahmen gekürzt zu werden. In einer Branche, die auf Planungssicherheit angewiesen ist, ist das ein problematisches Signal.

Graue Emissionen: die blinde Stelle

Was die offiziellen Gebäudedaten nicht erfassen, sind die grauen Treibhausgasemissionen: jene CO₂-Äquivalente, die bei Herstellung, Transport und Entsorgung von Baustoffen anfallen. Gemäss dem aktuellen Faktenblatt des KBOB vom April 2025 sind Baumaterialien und deren graue Emissionen für rund 10 Prozent des gesamten Schweizer Treibhausgas-Fussabdrucks verantwortlich.

Wichtig dabei: Bei modernen Neubauten mit erneuerbarer Betriebsenergie übersteigen die grauen Emissionen der Erstellung bereits heute die gesamten Betriebsemissionen über die Lebensdauer des Gebäudes. Wer nur die Betriebsenergie optimiert, wählt den falschen Hebel. Das KBOB hält fest, dass bei Mehrfamilienhäusern durch eine gezielte Kombination von Massnahmen Reduktionen der grauen Emissionen von bis zu 40 Prozent möglich sind.

Die gute Nachricht: Mit der parlamentarischen Initiative 20.433 müssen die Kantone künftig Grenzwerte für die graue Energie im Gebäudebereich festlegen. Der Hebel ist erkannt, der Rechtsrahmen entsteht.

Baustoffe mit Kreislauffähigkeit: Aluminium als Beispiel

Im Schweizer Bausektor liegt die Recyclingrate von Aluminium bei über 90 Prozent. Das Recycling selbst spart gegenüber der Primärproduktion rund 95 Prozent Energie. Entscheidend ist zudem die Energiequelle bei der Herstellung: Wird europäisches Primäraluminium mit Wasserkraft produziert, liegt der CO₂-Ausstoss bei rund 5 Kilogramm pro Kilogramm – gegenüber einem weltweiten Durchschnitt von 14,8 Kilogramm. Für Architekten und Bauherrschaften, die graue Emissionen aktiv steuern wollen, ist die Herkunft des Aluminiums damit ein konkreter Planungsparameter.

Fazit: Der Umbau braucht mehr als gute Vorsätze

Die Schweizer Bauwirtschaft ist nicht untätig. Neue Standards wie Minergie-Netto-Null, eine revidierte Betonnorm und wachsendes Bewusstsein für graue Emissionen zeigen, dass die Transformation läuft. Doch die Schere zwischen politischen Zielen und gebauter Realität bleibt gross. Die Sanierungsrate muss steigen, die Grenzwerte für graue Emissionen müssen verbindlich werden, und die Fördermittel müssen stabil bleiben. Sonst wird Netto-Null 2050 mehr Versprechen bleiben als Plan.