Jahrbuch «Nachhaltiges Bauen 2026»: Die Bauwende ist im Alltag angekommen

Mit dem revidierten CO₂-Gesetz und den Kreislaufvorgaben im Umweltschutzgesetz ist nachhaltiges Bauen in der Schweiz von der Vision zum Tagesgeschäft geworden. Die zehnte Ausgabe des Jahrbuchs «Nachhaltiges Bauen» bündelt den Stand der Branche und zeigt, wo die nächsten Hebel liegen.

Der Bestand rückt ins Zentrum

Die nachhaltigste Architektur ist jene, die bereits existiert: Dieser Gedanke zieht sich durch die ganze Ausgabe. Prof. Susanne Gosztonyi (HSLU) stellt das Projekt «Bauen ohne Material» vor, das mit der bewusst radikalen These «0 % Abfall, 100 % Zirkularität» antritt. Im Hochbau fallen in der Schweiz jährlich rund 7 Millionen Tonnen Bauabfälle aus Um- und Rückbau an – häufig nicht, weil die Substanz verbraucht ist, sondern weil sich Nutzungsziele verändert haben.

Passend dazu hat das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS) Anfang April 2026 den neuen Standard SNBS-Bestand und Betrieb offiziell freigeschaltet. Geschäftsführer Joe Luthiger beschreibt zudem das Priorisierungswerkzeug «Easy Access» für SNBS-Infrastruktur, das den Einstieg in die Nachhaltigkeitsbewertung kleinerer Projekte deutlich vereinfacht.

Kreislaufwirtschaft, Dekarbonisierung und der Business Case

Rund zehn Prozent des Schweizer Treibhausgas-Fussabdrucks entfallen laut BAFU heute auf Baumaterialien. Prof. Barbara Sintzel (FHNW) skizziert sechs Planungsgrundsätze, die von der Bedarfsfrage über Systemtrennung und Design for Disassembly bis zur hochwertigen Umgebungsgestaltung reichen.

Sophie Hartmann (Baustoff Kreislauf Schweiz) liefert die Zahlen aus der mineralischen Welt: 75 Prozent der Aushub- und Abbruchmaterialien werden bereits wiederverwertet, beim Beton sind es rund 85 Prozent. Nationalrätin Diana Gutjahr (metal.suisse) plädiert für hybride Bauweisen statt einseitiger Materialdebatten und verweist auf Recyclingstahl, der mit einem Drittel der Energie und einem Siebtel der Emissionen von Primärstahl auskommt.

Karin Bührer (Entwicklung Schweiz) bringt die ökonomische Realität ins Spiel: Die «Wirtschaftlichkeitslücke» zwischen anfänglichen Mehrkosten und späterem Nutzen bleibt eine zentrale Hürde. Nachhaltiges Bauen müsse ein Business Case sein, damit es aus der Nische in den Mainstream findet.

Digitalisierung, Energie und Kompetenzen

Markus Weber (Bauen digital Schweiz) zeigt, weshalb interoperable Datenökosysteme aus BIM und LifeCycle Data Management das Fundament einer planbaren Kreislaufwirtschaft bilden – Stichwort Digitaler Produktepass. Die ZHAW reagiert mit dem ab Herbst 2026 startenden MSc Integrierte Bau- und Energiesysteme, die sanu future learning ag bildet «Expertinnen und Experten für gesundes und nachhaltiges Bauen» aus.

Auf der Energieseite betont Alexandra Märki (Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz) die sicherheitspolitische Dimension der Wärmewende. Konkrete Praxisbeispiele liefern unter anderem Meier Tobler mit der neuen Oertli Aero- und Terra-Wärmepumpenfamilie sowie die Stiftung Umwelt Arena Schweiz mit Power-to-X-Konzepten zur saisonalen Speicherung.

Eine Branche im Umbau

Das Jahrbuch zeichnet das Bild einer Branche, die nicht mehr über das Ob, sondern über das Wie streitet. Bestand erhalten, Materialkreisläufe schliessen, Daten interoperabel halten und Kompetenzen ausbauen – die Werkzeuge liegen bereit, die Umsetzung in die Fläche ist die eigentliche Arbeit der kommenden Jahre.

Die Online-Ausgabe des Jahrbuchs ist verfügbar unter: nachhaltigesbauen.utk.ch