Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei. Der neue Trendmonitor von Bauen digital Schweiz zeigt: Die Schweizer Bauwirtschaft ist in der Phase der industriellen Skalierung angekommen – und muss jetzt strategisch handeln.
Bauen digital Schweiz / buildingSMART Switzerland hat im Mai 2026 den «Digital Next Gen Trendmonitor 2026» veröffentlicht. Das Whitepaper ist eine gemeinsame Arbeit der Expert Group «Digital Next Gen» unter der Leitung von Gianluca Genova (MetaXD AG) und Nicolo Guariento (Durable Planung und Beratung GmbH). Es kombiniert quantitative Daten aus der Digital Real Estate & Construction Studie 2026 der pom+Consulting AG – mit Fokus auf 69 Fach- und Führungskräfte aus der Bauwirtschaft – mit qualitativen Erkenntnissen aus themenspezifischen Experten-Workshops.
Stagnation als Konsolidierungsphase verstehen
Das auffälligste Ergebnis der Studie: 53% der befragten Unternehmen nehmen in ihrem Marktumfeld eine Stagnation der digitalen Entwicklung wahr. Besonders ausgeprägt ist dieser Wert bei Kleinunternehmen mit unter 50 Mitarbeitenden (67%). Ein Scheitern der digitalen Transformation ist das aber nicht. Der Trendmonitor interpretiert diese Phase als notwendige Bereinigung: Unternehmen sind damit beschäftigt, historisch gewachsene IT-Strukturen zu konsolidieren, Insellösungen abzulösen und Datenarchitekturen zu sanieren – allesamt Voraussetzungen für den nächsten grossen Produktivitätssprung.
Das Priorisierungs-Paradox
Besonders aufschlussreich ist eine Diskrepanz in den Studiendaten, die der Trendmonitor als «Priorisierungs-Paradox» bezeichnet: 38% der Befragten nennen Investitionen und Kosten als das grösste Hindernis ihrer Digitalisierung – gleichzeitig investieren 51% der Unternehmen maximal 1% ihres Jahresumsatzes in digitale Innovationen. Das Kapital ist offenbar vorhanden, wird aber defensiv eingesetzt: zur Verwaltung des Status quo statt zur aktiven Transformation.
Die Expert Group empfiehlt für wirksame Digitalisierungsinitiativen ein dediziertes Innovationsbudget von 3 bis 5% des Jahresumsatzes – gekoppelt an konkrete betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie Projektmarge oder Durchlaufzeiten.
KI: Grosses Versprechen, schmale Datenbasis
Künstliche Intelligenz weckt in der Bauwirtschaft erhebliche Erwartungen: 71% der Befragten attestieren KI und Machine Learning einen hohen oder sehr hohen betriebswirtschaftlichen Nutzen. Im produktiven Einsatz befinden sich diese Technologien aber erst bei 20% der Unternehmen. Der Grund liegt laut den Workshop-Erkenntnissen nicht in der Qualität der Algorithmen, sondern in der fehlenden Datengrundlage.
Der Workshop bei der Amberg Group brachte es auf den Punkt: «Context is King.» KI-Systeme liefern nur dann verlässliche Ergebnisse, wenn die zugrunde liegenden Daten strukturiert, vollständig und kontextuell angereichert sind. Solange Planungs-, Bau- und Betriebsdaten in getrennten Silos liegen, bleibt der KI-Einsatz auf oberflächliche Anwendungsfälle beschränkt. Data Hygiene ist die eigentliche Voraussetzung – nicht die Wahl des Algorithmus.
Der eigentliche Werthebel: Durchgängige digitale Fertigung
BIM und digitale Plattformen haben sich in der Schweizer Bauwirtschaft als Standard etabliert: Über 50% der Unternehmen nutzen diese Werkzeuge operativ, in der Produktion und Zulieferung sogar 80%. Doch der Trendmonitor macht deutlich, wo der nächste Produktivitätssprung liegt: nicht im 3D-Modell als Planungswerkzeug, sondern in der direkten Verknüpfung des digitalen Modells mit der Produktionsmaschine.
Individualisierte Serienfertigung unter Fabrikbedingungen, bei der Fertigungsanlagen die Stücklisten fehlerfrei aus den Modelldaten auslesen, senkt Materialverschnitt, verbessert Qualität und verändert das Risikoprofil von Bauprojekten grundlegend. Dieses Potenzial ist heute technisch erreichbar – scheitert aber noch oft an fehlenden offenen Schnittstellen und fragmentierten Datensätzen.
Führung und Kultur als unterschätzte Faktoren
Ein weiteres zentrales Ergebnis: 51% der Befragten sehen im Fachkräftemangel kein oder nur ein geringes Hindernis. Der Trendmonitor spricht deshalb von einem «Fachkräfte-Einsatz-Mangel»: Digitale Talente sind vorhanden, finden aber in starren, analog geprägten Strukturen keinen Raum, ihre Kompetenzen zu entfalten. Die Lösung liegt in einem Wandel der Führungskultur – hin zur gezielten Befähigung und Autonomie der Mitarbeitenden an der Basis.
Wo der Trendmonitor zu beziehen ist
Das vollständige Whitepaper steht auf der Website von Bauen digital Schweiz zum Download bereit bauen-digital.ch
