Metallgewebe und Streckmetall werden als abfallfreie Verschattungslösung beworben. Die Herstellung ist tatsächlich materialeffizient. Ob sich die zusätzliche Schicht ökologisch rechnet, entscheidet sich allerdings an anderer Stelle: bei der grauen Energie, beim Nachweis nach SIA 180 und beim Brandschutz.
Der Abfallvorteil ist kleiner als beworben
Streckmetall entsteht, indem ein Blech geschlitzt und gleichzeitig gestreckt wird. Aus einer Tafel wird so eine grössere Gitterfläche, ohne dass Material herausfällt. Der Vergleich, der in Produktbroschüren regelmässig gezogen wird, geht gegen Lochblech: Dort werden die Butzen ausgestanzt und gelten als Verlust von bis zu fünfzig Prozent.
Ökobilanziell hält dieser Vergleich nur bedingt stand. Stanzbutzen aus industrieller Fertigung sind sortenreiner Neuschrott und gehen praktisch vollständig in den Schmelzkreislauf zurück. Das Umschmelzen von Aluminium benötigt rund fünf Prozent der Energie der Primärherstellung. Übrig bleibt ein realer, aber deutlich kleinerer Vorteil aus vermiedener Umschmelzenergie, Handling und Transport. Und auch beim Streckmetall entsteht Verschnitt, sobald die Bahnen auf Paneelmass zugeschnitten werden.
Die Gegenrechnung zur grauen Energie
Ein Gewebe ist keine wetterdichte Hülle. Es hängt in aller Regel vor der eigentlichen Fassade und ersetzt dort keine Schicht, sondern kommt hinzu. Der übliche Vergleich «pro Quadratmeter gegenüber anderen Bekleidungen» misst damit zwei verschiedene Funktionseinheiten.
Relevant ist stattdessen, was die zusätzliche Masse kostet. In der KBOB-Liste der Ökobilanzdaten schlägt Aluminium mit rund 5,6 Kilogramm CO₂-Äquivalent je Kilogramm zu Buche, gegenüber etwa 0,74 bei Stahlprofilen und 0,1 bei Beton (Vergleichswerte des NNBS). Diese Vorleistung muss über die Lebensdauer durch eingesparte Kühlenergie kompensiert werden. In einem Bürobau mit hohem Glasanteil, Südorientierung und aktiver Kühlung gelingt das schnell. In einem Wohnbau mit Nachtauskühlung und ohne Kälteanlage rechnet sich die zweite Haut energetisch kaum, sie bleibt dort primär ein gestalterisches Element.
SIA 180 kennt nur den beweglichen Sonnenschutz
Das vereinfachte Nachweisverfahren 1 der Norm SIA 180 setzt einen aussenliegenden beweglichen Sonnenschutz voraus, mit Windwiderstandsklasse 6 und einem gtot-Wert von höchstens 0,10. Ein fest montiertes Gitter erfüllt diese Bedingung nicht. Wer damit plant, muss auf Verfahren 2 oder auf eine dynamische Simulation nach Verfahren 3 ausweichen.
Der bauphysikalische Preis fällt in der Heizperiode an. Eine feste Verschattung wirkt ganzjährig, reduziert also auch die passivsolaren Gewinne im Winter und senkt den Tageslichtquotienten. Der eingesparten Kühlenergie steht damit ein Mehrbedarf bei Heizung und Kunstlicht gegenüber. Ohne Simulation lässt sich nicht sagen, welche Seite überwiegt. Die Minergie-Broschüre zum sommerlichen Wärmeschutz zeigt, wie stark Speichermasse, Nachtauskühlung und Beschattung dabei ineinandergreifen.
Nicht brennbar, aber früh geschmolzen
Massives Aluminium ist ein Baustoff der Brandverhaltensgruppe RF1 und trägt keine Brandlast bei. Für tragende oder brandschutzwirksame Funktionen reicht das jedoch nicht: Brandriegel verlangen nach VKF-Vorgabe Baustoffe der RF1 mit einer Schmelztemperatur ab 1000 Grad. Aluminium schmilzt bei rund 660 Grad und verliert dabei seine Festigkeit.
Hinzu kommt der Hohlraum zwischen Gewebe und Fassade. Kontinuierliche Hinterlüftungsebenen können Brand und Rauch nach oben weiterleiten, weshalb die Anschlussdetails und die geschossweise Unterteilung bei mehrgeschossigen Bauten früh in die Planung gehören. Ein Stahl- statt Aluminiumgewebe ist hier je nach Gebäudehöhe die robustere Wahl.
Wo die zweite Haut ihre Stärke ausspielt
Der überzeugendste Nachhaltigkeitsvorteil liegt nicht in der Fertigung, sondern am Lebensende. Metallgewebe wird mechanisch befestigt, bleibt sortenrein und lässt sich ohne Verbundschichten zurückbauen. Damit erfüllt es die Voraussetzungen für Wiederverwendung, wie sie SIA 2032 und Gebäuderessourcenpässe verlangen. Dass die KBOB ihre Datensätze für Aluminiumbauteile nach unten korrigiert hat, geht wesentlich auf den steigenden Recyclinganteil aus rückgebauten Fenstern und Fassaden zurück.
Wer eine zweite Haut plant, sollte die Rechnung deshalb von der Nutzung her aufziehen und nicht vom Herstellungsprozess. Der Abfallvorteil in der Produktion ist der kleinste Posten in dieser Bilanz.

