Aluminiumprofile sind mittlerweile in gestaffelten Recyclinggüten erhältlich, bis hin zu 100 Prozent Altschrott. In Bern wurde erstmals in der Schweiz eine ganze Fassade im geschlossenen Kreislauf ersetzt. Was Bauherren dabei tatsächlich wählen, und was die Zahlen bedeuten.
Wer in Frankfurt Fassaden plant, hat mit Aluminium täglich zu tun. Thomas Lepper, Geschäftsführer des Fassadenplanungsbüros AplusF, beschreibt in der Podcast-Folge 165 der Deutschen BauZeitschrift eine Praxis, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war: Der Bauherr könne heute aussuchen, welchen Recyclinganteil sein Aluminium haben soll. Eine Fassade aus 100 Prozent rezykliertem Material sei «mit entsprechenden Kosten verbunden, aber möglich». Für eine Branche, die den Werkstoff jahrzehntelang schlicht als «Alu» bestellt hat, ist das eine bemerkenswerte Verschiebung.
Zwei Philosophien
Die beiden grossen Systemhäuser haben ihre Profile in Stufen sortiert. Hydro, Mutterkonzern von Wicona, führt unter dem Namen Hydro CIRCAL eine Legierung mit mindestens 75 Prozent Post-Consumer-Schrott und einem Fussabdruck von 1,9 Kilogramm CO₂e pro Kilogramm Aluminium. Die Variante CIRCAL 100R besteht vollständig aus Altschrott und liegt unter 0,5 Kilogramm CO₂e, ist wegen des aufwendigen Sortier- und Schmelzprozesses aber nur in kleinen Chargen auf Abruf lieferbar. Zum Vergleich: Der globale Durchschnitt für Primäraluminium liegt bei knapp 15 Kilogramm.
Schüco staffelt ähnlich: Low Carbon mit 3,84 Kilogramm CO₂e pro Kilogramm Profil, Ultra Low Carbon mit mindestens 75 Prozent Post-Consumer-Anteil und 1,99 Kilogramm, Ultra Low Carbon+ mit 99,5 Prozent Altschrott und 0,89 Kilogramm. Der Unterschied liegt in der Lieferung. Schüco arbeitet mit einem Kontingentverfahren: Die ausgelieferten Profile können aus Standard-, LC-, ULC- oder ULC+-Aluminium bestehen, unabhängig von der Bestellung. Zertifiziert wird die Bilanz aus eingekauftem und verkauftem Recyclingmaterial durch die DEKRA. Wer ULC+ bestellt, löst also nachweislich eine Einsparung im Werk aus, hält aber nicht zwingend das entsprechende Profil in der Hand. Hydro dokumentiert dagegen den Schrottanteil je Produktionscharge, verifiziert durch DNV.
Beide Modelle beantworten verschiedene Fragen. Das Massenbilanz-Modell senkt den Fussabdruck des Systems, die chargengenaue Verifizierung den des Gebäudes. Für Minergie-ECO-Nachweise oder eine Ökobilanz nach SIA 2032 ist der zweite Wert der relevante.
Aluminiumkreislauf in der Praxis
Dass der Kreislauf nicht nur auf dem Papier funktioniert, zeigt die Sanierung der Schule für Gestaltung in Bern. Die denkmalgeschützte Kunstgewerbeschule von Willy Pfister aus den Jahren 1968 bis 1971 erhält eine neue Elementfassade, und zum ersten Mal in der Schweiz wurde dabei ein geschlossener Kreislauf für den Werkstoff Aluminium umgesetzt. Der Fassadenbauer Geilinger baute die alte Hülle bis auf den Rohbau zurück, trennte die Elemente vor Ort nach Wertstoffen und liess rund 50 Tonnen Altprofile aufbereiten. Das daraus gewonnene Material mit mindestens 75 Prozent End-of-Life-Anteil kehrt in die neuen Elemente zurück.
Der Berner Fall ist zugleich ein Lehrstück für Bestandsprojekte: Die charakteristischen Wendefenster bleiben als Verbundkonstruktion mit Sonnenschutz in der Kavität erhalten, in den opaken Brüstungsfeldern sitzen Photovoltaikmodule, der Uw-Wert liegt bei 1,03 W/m²K. Ein zweites Schweizer Beispiel ist der Erweiterungsbau des 3M-Hauptsitzes in Rüschlikon, dessen Fassade die Ernst Schweizer AG in Hydro-CIRCAL-Qualität ausführte.
Der Recyclinganteil ist ein Hebel, nicht die ganze Bilanz
Der Recyclinganteil ist allerdings nicht der alleinige Massstab. Weil Aluminium global gehandelt wird, lassen sich Warenströme nicht bis zum einzelnen Barren verfolgen, und eine hohe Prozentzahl bedeutet nicht automatisch eine geringere Umweltbelastung. Entscheidend ist, was in der Ökobilanz ankommt. Für die Schweiz heisst das: die KBOB-Ökobilanzdaten, die als Basis für Minergie-ECO und den Nachweis der grauen Energie nach SIA 2032 dienen. Dort hat der steigende Schweizer Recyclinganteil bereits vor Jahren dazu geführt, dass Aluminiumfenster mit 80 Prozent Rezyklat in der Gesamtbewertung besser abschneiden als Holz-Metall-Rahmen.
Wer eine Fassade mit kleinem Fussabdruck will, hat also zwei Hebel: den Recyclinganteil und wie er nachgewiesen wird. Und wie das Berner Beispiel zeigt, kann es auch noch Ansatzpunkt geben: Was mit der alten Fassade passiert, bevor die neue kommt.
