Lesetipp: Urban Mining – der verkannte Ressourcenschatz

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Stefan Bringezu leitet die Forschungsgruppe Stoffströme und Ressourcenmanagement am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. In einer Artikelserie bei WiWo Green setzt er sich mit den zukünftigen Herausforderungen im Bereich der Rohstoffversorgung auseinander. Im seinem jüngsten Bericht macht Bringezu, der auch Professor für Nachhaltiges Ressourcenmanagement beim Center for Environmental Systems Research CESR) an der Universität Kassel ist, darauf aufmerksam, dass die Menge der in Gebäuden und Infrastrukturen enthaltenen Metalle die bekannten natürlichen Lagerstätten teilweise sogar übersteigen. Diese Rohstoffquellen seien aber bis heute noch weitgehend unkartiert und es gibt auch noch keine Pläne zur systematischen Erschliessung. 

Laut Bringezus Ausführungen werden zum Beispiel in Deutschland jährlich sechs bis 15 Millionen Tonnen Stahl, 0,5 bis eine Million Tonnen Kupfer und 0,2 bis 0,5 Millionen Tonnen Aluminium verbaut. Der Bestand in Hochbau, Haustechnik und Tiefbau wird aber auf mindestens eine Milliarde Tonnen Stahl, sechs Millionen Tonnen Kupfer und drei Millionen Tonnen Aluminium geschätzt. Materialien, die früher oder später als Schrott anfallen und deren Gesamtwert nach aktuellen Schrottpreisen 140 Milliarden Euro bei Stahl, 24 Milliarden Euro bei Aluminium und zwei Milliarden Euro bei Kupfer beträgt.

Der Forschungsgruppenleiter beziffert die jährliche Abrissrate mit 0,1 Prozent des Bestands für Wohngebäude und 0,35 Prozent für Nichtwohngebäude. Theoretisch könnten also durch Stahl-, Kupfer- und Aluminiumschrott aus dem Bestandsabbruch 140 bis 490 Millionen Euro (Stahl), 24 bis 84 Millionen Euro (Kupfer) beziehungsweise zwei bis sieben Millionen Euro (Aluminium) erlöst werden.

Für den Experten liegt der Fehler unter anderem beim Abriss. Seiner Ansicht nach dürften die Bauherren kaum darüber informiert sein, welche Werte sie bei Abriss, Rückbau oder Sanierung dem beauftragten Unternehmen überlassen. Aufklärungsbedarf gebe es aber auch bei den Abrissunternehmen. Immer wieder sieht man Baustellen, bei denen der Abrissbagger rigoros – eventuell sogar wiederverwendbare Bauteile – zertrümmert. Anstatt von vornherein möglichst sortenreine Materialien zu erhalten, muss die Masse später mit grossem Aufwand wieder getrennt werden.

Die mangelhafte Nutzung von Rohstoffen aus Abrissgebäuden sei aber auch darauf zurückzuführen, dass Abriss und Neubau von unterschiedlichen Unternehmen durchgeführt wird. So würden die benötigten Sekundärrohstoffe von einem Unternehmen zerkleinert und sortiert abtransportiert, während das andere Unternehmen Rohstoffe aus natürlichen Lagerstätten auf der Baustelle anliefert. „Unnötige Transporte und damit Kosten und Ressourcenverbräuche sind die Folge“, so Bringezu.

Lösungsansätze wittert der Autor in der Schaffung eines „Informationssystems Urban Mining“, welches zum Ziel hat, dass sowohl die Recyclingbranche als auch die Bauwirtschaft über Informationen verfügt, wo, in welchen Zeiträumen, welche Mengen an potenziellen Sekundärrohstoffen und in welchen Qualitäten aus dem Baubestand zu erwarten sind. Hierzu gebe es bereits erste Forschungsprojekte.

Bedenklich findet Bringezu, dass beim Stichwort „Urban Mining“ nach wie vor angenommen wird, dass es sich dabei um die Erschliessung von alten Deponien, auf denen Fahrräder, Waschmaschinen und Fernseher entsorgt wurden, handelt. „Vergleicht man den geschätzten Inhalt aller Altablagerungen in Deutschland mit dem jährlichen Produktionsvolumen, so könnte der gesamte Wertstoffgehalt der Altdeponien den Jahresbedarf bei Eisen und Stahl nur zur Hälfte und bei Kupfer und Aluminium nur ein einziges Jahr lang decken.“

Für den Autor ist klar, dass das Auskoffern von alten Deponiestandorten den Bedarf an wichtigen Grundwerkstoffen nicht nachhaltig decken kann. Es müssten Quellen erschlossen werden, die langfristig sprudeln, beispielsweise Materiallager im Hoch- und Tiefbau.

Als positives Beispiel  dafür führt Bringezu die Stadt Zürich an, deren Hochbauamt unter Mithilfe der Eidgenössischen Technischen Hochschule ein System zum Ressourcenmanagement eingeführt hat.

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Ein Kommentar

  1. Als ich diesen Artikel las, da erinnerte ich mich sofort an das indische Entsorgungssystem. Dort gibt es ganze Slums, die sich nur alleine davon ernähren Wertstoffe aus zu sortieren. Sie gehen dabei mit der allergrößten Sorgfalt vor sich, weil ihr gesamtes Überleben davon abhängt. Ich finde wir Industrieländer sollten uns wirklich ein Beispiel nehmen. Zürich geht schon als gutes Beispiel voraus – klasse!

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